Tags & Folksonomies: Wege zur Glaubwürdigkeits-Ökonomie

Inspiriert zu der folgenden Ausführung wurde ich durch einen Eintrag von Josh Peterson (43 Things) im Robot Co-op Blog und durch die Flut neuer Social Software Plattformen. Anmerkung: Was folgt, ist eine unfertige und teilweise bestimmt etwas unsortierte These, ein "Living Document". Aber gegenwärtig wird das Thema so breit diskutiert, dass ich den einen oder anderen brauchbaren Gedanken jetzt schon beitragen möchte.

Im Grunde genommen ist "Social Software" ja nichts neues: IRC, Foren, Netzwerke, P2P gibt es schon länger -- etwas aktueller sind Musik- (z.B. Last.fm) Social Bookmark- (simpy, del.icio.us), Termin- (Copynight, Mozilla Sunbird) oder Foto-Plattformen wie Yafro und Flickr.
Auch wenn als Sammel-Begriff hierfür "Social Software" seit geraumer Zeit immer häufiger und etwas inflationär verwendet wird, reicht doch die Definition tiefer und weiter zurück als vielleicht zunächst angenommen, und verdienen diese Anwendungen durchaus unsere Aufmerksamkeit: Sie zeigen, dass wir bereit sind, uns auf dem Weg zum "Internet 2.0" befinden.
Ich glaube jedoch, dass die Netzwerk-Technologien und unser Verhalten im Umgang mit dem Internet mittlerweile eine neue Qualität erreicht haben. Eben wirklich 2.0.

Die Grundvoraussetzungen

Sicher, das World Wide Web entwickelt sich auch ohne uns weiter (Stichwort: semantisches Web). Man muss kein Prophet sein, um zu sehen, dass die Reise derzeit auch ohne "Internet 2.0 These" in eine Richtung deutet: Mehr Macht für den einzelnen User (Tron). Wenn man das Thema auf den Tisch bringt, und an Social Software aufhängt, stellt sich die Frage:

Wie sozial ist Social Software?

Dass Flickr von Yahoo gekauft wurde und 43 Things von
Amazon unterstützt wird
, dass eine Reihe von Plattformen und Applikationen wieder mehr Wert auf den Nutzen legen als auf den schnellen IPO, zeigt, dass die Zeit reif ist. Für ein Internet, das wieder stärker als Micro-Kanal auf den Austausch einzelner gerichtet ist, auf many-to-many oder meinetwegen Multi-User Plattformen, und in erster Linie eher dem Menschen dient als dem lukrativen Absatz dieser Dienstleistung, von Waren oder Software.

Natürlich zeigen diese Beispiele auch, dass die Nutzer den ursprünglichen Altruismus hinter sich gelassen haben, im Gegenteil: Wer Geld (im Internet) verdient und dabei ehrlich bleibt, verdient unsere Anerkennung, für denjenigen setzen wir uns gerne ein.

Eine weitere goldene Regel hat der Nutzer hinter sich gelassen: War es vor einigen Jahren noch verpönt, jemals seinen Real-Namen anzugeben, dreht sich heute immer mehr darum, offen und authentisch aufzutreten, sichtbare Spuren weltweit zu hinterlassen. Das frühere Bild vom Internet, das beherrscht wird von Chattern mit Nicknames, in dem sich "Chaoten" mit bösen Absichten tummeln und Unternehmen krakenartig Daten sammeln, muss sich ein neues Zuhause suchen.

Eine neue Aufmerksamkeits-Ökonomie

Die These, die Medienkanäle seien verstopft und der Konsument zunehmend überfordert, wird bereits seit längerer Zeit immer wieder strapaziert. Michael H. Goldhaber datiert den Zeitpunkt, an dem die "materielle" Ökonomie zum ersten Mal an ihre Grenze stößt und Schritt für Schritt von einer Aufmerksamkeits-Ökonomie abgelöst wird, auf 1965. Enzensberger stellt seinen Medienbaukasten 1972 (!) vor.
Er definiert die zwei gegensätzlichen Medientypen, den repressiven und den emanzipatorischen und greift in einer Zeit, in der wir noch nicht einmal Privatfernsehen hatten, dem Sender-Empfänger Mechanismus des Internets voraus.

Wo 1994 noch artig die Formel "Der Leser ist auch Autor" heruntergebetet wurde, haben wir die Auswirkungen erst heute verstanden. Beispielsweise hat Cory Doctorows These von der neuen Aufmerksamkeits- und Bewertungs-Ökonomie Einzug erhalten, nach der nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ bewertet wird. Für mich ist diese Methode eher in unserer realen Zukunft anzusiedeln als in einer Science Fiction Novel, vor allem nachdem nun auch die erste Popularitäts-Plattform gelauncht wurde: Das Name-spotting bei Google ist zum Alltag geworden.

Die These vom Mensch als öffentlichem weltweiten Medium mag manche an McLuhan erinnern, mich erinnert sie an "spinnerte" Gespräche vor sechs, sieben, Jahren, bei manch ausschweifender "New Economy"-Zechtour. Als wir darüber diskutiert haben, wo die Grenzen beim "Neuen Medium" liegen, was passieren würde, wenn jeder Mensch wirklich zum weltweiten Sender würde -- gleichzeitig -- und welchem Sender man dann zuhört. Nur: Genau der Punkt, wie man aus dem großen Rauschen das herausfiltert, was einem wichtig ist, darauf wußte keiner so richtig eine Antwort. Nun mag und muss man nicht unbedingt davon ausgehen, dass jeder bald ein Blog führt. Und dass Metabloggen, Ratschläge erteilen der lukrativste Job der Zukunft sein wird.

Interessant wird aber, welche Währung in einer Zeit, wo Zeit das wichtigste Gut ist, wo Information im Überfluß vorhanden ist, am meisten wert ist? Ist es die Aufmerksamkeit, die bereits heute teuer und durch viel Geld erkauft werden muss, und die auch in Zukunft finanziell skaliert wird. Oder ist es vielmehr die Glaubwürdigkeit, die uns als Währung der Zukunft mehr wert ist als alles andere? Als all das Geld, das wir in unserem Leben (in den Nordgesellschaften) verdienen und ererben? Nachdem Amazon vor vier Jahren aus der TV-Werbung ausgestiegen ist, sagte Jeff Bezos in einem Interview den magischen Satz:
If you offer great services, people will find out.
Die Vision einer Aufmerksamkeits-Ökonomie mit Glaubwürdigkeit als Währung scheint mir für die Zukunft real, und auch die Zeit ist reif. Als die Auswirkungen der ursprünglichen Aufmerksamkeits-Ökonomie in den 70ern und 80ern formuliert wurde, standen die Menschen noch beinahe ohnmächtig vor der Informationsflut im Mainstream der aufkeimenden Massenmedien. Nachdem das Internet massentauglich wurde, haben zunächst nur die wenigsten bemerkt, dass Aufmerksamkeit nicht ausreicht, um langfristig satt zu machen.

Die These einer Aufmerksamkeits-Ökonomie ist nach dem Zusammenbruch der großen Internet-Blase jedoch nicht verschwunden, sondern wie alle großen Thesen ein wenig in den Hintergrund gerückt, um nun schärfer und authentischer wieder ins Licht zu treten. Sie kommt in Form von zahlreichen "Social Software" Plattformen und Applikationen, und eher als Glaubwürdigkeits-Ökonomie, die drei unterschiedliche Qualitäten besitzen:

* Die Offenheit meint sowohl die inhaltliche als auch die technische Offenheit als Schnittstelle einer Social Software Plattform für weitere Projekte und Nutzungen.
* Das Matching meint die wie auch immer geartete Bewertung und Möglichkeit, ähnliche Systeme anzugliedern (somit werden sie breiter und noch größer), querzunutzen oder auf mehreren Ebenen unterschiedliche Dinge zu vergleichen.
* Die Kollaboration meint die gegenseitige Nutzung offener Schnittstellen und die konsequente Vernetzung gemeinsamer Interessen.

In erster Linie sind das drei weitgehend technische Philosophien, die jedoch für jede Form der Kommunikation nutzbar sind.

Es zeigt sich auch: Für das Internet 2.0 brauchen wir die Überreste der "New Economy". Wir brauchen die Enttäuschung, das gesunde Mißtrauen, mit dem wir beispielsweise im Jahr 2005 eine hübsch gemachte Website betrachten und sie zunächst als Fassade verstehen. Ohne die kritische Distanz und den (erlernten) Blick in die Tiefe wären wir der Macht der Blogs, der geballten Information und des grenzenlosen Fließens bis in die letzte Internet-Pore genauso hilflos ausgeliefert wie derjenige, der sein Geld vor Jahren gutgläubig der Nigeria Connection überlassen hat.
Wir brauchen aber auch die Erfahrung, wie sich durch das Internet Information binnen weniger Augenblicke aufbauen und verbreiten kann.

Die wichtigste Frage in der Zukunft wird nicht sein, welchem Kanal und welcher Information wir unsere Aufmerksamkeit schenken. Denn auch in absehbarer Zukunft werden die Menschen verschiedene Kanäle nutzen, wenn auch wie bisher nur in begrenzter Anzahl. Wem eine Person in Zukunft Aufmerksamkeit schenkt, wird einerseits natürlich weiterhin durch Technologien bestimmt: durch Suchmaschinen-Optimierung, durch die gegenseitige Verlinkung. Entscheidend ist jedoch, wie glaubwürdig die Person ist, und die Quelle einer Information, der sie entstammt. Dies haben wir dem ersten Fake-Blog eines globalen Unternehmens zu verdanken und damit, dass immer mehr Unternehmen den Wert von Verbraucherplattformen erkennen. Mit der Ankündigung, dass auch bei uns Blogs für den Wahlkampf im nächsten Jahr eingesetzt werden sollen, betreten wir auch politisch eine neue Ära. Dennoch denke ich, dass innerhalb der sozialen Plattformen der Zukunft, die auf den einzelnen User und die Vernetzung einzelner Gruppen ausgerichtet sind, nicht mehr die Aufmerksamkeit das entscheidende Kriterium ist, sondern vielmehr der User, sein Gesicht, seine Glaubwürdigkeit selbst.


Es ist seltsam, aber ausgerechnet die Kommerzialisierung des Internets könnte nun unsere Hilfe sein.

Denn dass man einer Reihe von Bewertungen und ausgesuchten Menschen eher Glauben schenkt als dem Google Bot, dass deren Kategorisierung, Filter (neudeutsch auch Folksonomy genannt) oder Blogs lieber genutzt und mehr vertraut werden als der eigenen Mail-Inbox und den Massenmedien, haben wir den Spammern zu verdanken, die uns aus dem alten Internet zu vergraulen drohen, und denjenigen, die dachten sie könnten uns im Internet den Ramsch verkaufen, den sie offline nicht los werden. Wir haben es jener übersteigerten Form der Kommerzialisierung zu verdanken, die uns die Nachteile des Internets jeden Tag aufs Neue zeigen und unser Mißtrauen weiter schüren. Sie treiben uns in die Arme der Glaubwürdigkeits-Ökonomie, fordern eine bessere Vernetzung von Technik und Inhalt. Genau wie die eCommerce Anbieter, die im Internet vieles richtig machen.

Denn wir haben die Vorteile erkannt, als Kunde von Amazon, eBay und anderen Plattformen, haben schätzen gelernt was andere Kunden zu diesem und jenem Produkt oder Mitglied meinten, und wie wertvoll es ist, wenn man diese Meinungen und Empfehlungen ernst nimmt und (zumindest teilweise) sinnvoll verwendet.

Das Internet muss wieder gut werden

Was uns früher beängstigend vorkam, nämlich offen und ehrlich seine Daten und sein Innerstes über das Internet und damit auch an Fremde preiszugeben, wird dann wertlos (für Sniffer) und wertvoll zugleich (für Freunde oder innerhalb einer Community), wenn es Millionen anderer ebenso tun: Auf diese Weise erfahren wir neues, aber nur von einer Qualität, die uns auch wirklich interessiert. Auf diese Weise wird das globale Internet endgültig zu kleinen, parallelen Netzknoten, die zwar alle Interessen beinhalten, aber verschiedene bündeln. Und es werden wenige hervortreten, die eine Leaderfunktion wahrnehmen, die Querverbindungen zwischen verschiedenen Plattformen herstellen. Ihre Credits bauen sie auf Authentizität (ihre Brötchen verdienen sie z.B. durch Micropatronate).

Soziale Plattformen werden dann zu unserer Rettung, wenn der letzte Newsletter abgemeldet ist, wenn wir auf der Flucht vor SPAM frustriert unseren E-Mail-Account aufgeben, wenn jede Adword-Platzierung vor der gesuchten Antwort steht, wenn die lokalen Bookmarks unübersichtlich auf verschiedenen Rechnern verteilt wuchern.

Es ist also eine logische Konsequenz, dass neben der technischen Weiterentwicklung des Internets und der Protokolle auch eine inhaltliche Anpassung notwendig ist. Die einer neuen Glaubwürdigkeits-Ökonomie.

Erhält man noch immer den Newsletter, den man bereits vor vier Jahren gekündigt hat, setzt man in Zukunft stattdessen auf einen Dienst wie Bloglines zum Abonnieren von RSS-Feeds und einer Funktion, die das Durchstöbern anderer Blogger erlaubt, die wirklich meine Interessen teilen.
Haben wir uns in einer Suchmaschine verirrt, helfen Tipps von "Social Bookmark" Plattformen wie delicious oder Furl, mit denen gemerkte Seiten verschiedene Eigenschaften zugeordnet werden können.
Benötigt eine Werbeagentur ein Bildmotiv, bieten sich statt vier oder fünf Bild-Agenturen Tausende von freien Fotografen auf Plattformen wie Flickr, Yafro oder Fotolog an.
Und suchen wir nach der passenden Musik, finden wir sie bei Last.fm oder Webjay in der Playlist von denjenigen, die wirklich unseren Geschmack teilen.

Natürlich gibt es noch zahlreiche andere Beispiele, wo wir den Wert des Netzwerks weiter erlernen müssen. Und täglich werden wieder neue "Social Software Plattformen dazukommen, die einem helfen, sich neu zu orientieren. Das Internet verändert sich, sicher. Und es wächst. Beides hat es immer getan. Aber die drastische Weiterentwicklung bei der Art des Informationsaustauschs durch Blogs, soziale Plattformen, aber z.B. auch durch Systeme wie BitTorrent oder Skype weisen darauf hin, dass wir es wirklich mit einem Schritt in Richtung "Internet 2.0" zu tun haben.

Alle diese Veränderungen sind technischer und inhaltlicher Natur. Sie gehen einher mit unseren veränderten Ansprüchen und Bedürfnissen, unseren neuen, differenzierten Erwartungen. Sie bauen auf Erfahrungen daraus, wie einfach Kommunikation per E-Mail auszuhebeln ist, wie das Internet binnen kürzester Zeit zu einem flächendeckenden Teppich wurde, wie es immer weiter kommerzialisiert wird.

In dem zeitlosen Brand Eins Interview von Steffan Heuer mit Brian W. Arthur (5/2001) steht, dass es stets die neuen Kombinationsmöglichkeiten sind, die eine Technologie wertvoll machen. Und dass die Menschen immer einen zweiten Blick benötigen, um den vollen Wert aus einer neuen Technologie zu schöpfen. Laut Arthur wäre das in etwa zehn Jahren. Bis dahin wurde das Internet 2.0 sicher noch ein paar Mal, und aus den verschiedensten Ecken des Raumes ausgerufen. Vielleicht haben wir bis dahin wirklich den wahren Nutzen des Internets schätzen und den der grenzenlosen Kommunikation zu beherrschen gelernt.

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darauf haben sie ja die letzten jahre hingearbeitet...
ami - 10. Sep, 10:10
Du hast absolut recht...
... aber dennoch steht das Game aktuell auf Platz 1...
Frank (anonym) - 9. Sep, 23:34
War das nicht..
Arcor? Zumindest wenns um die Seite Youp**n ging ;)
Pascal (anonym) - 31. Aug, 22:45
Danke :D
"Jedenfalls finde ich, dass wir eine recht paradoxe...
Fußballer (anonym) - 31. Aug, 22:43
Tja, nichts..
ist unmöglich. Wahrscheinlich klaut Tchibo jetzt...
PHP Hamster (anonym) - 31. Aug, 22:40

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