Mittwoch, 18. Mai 2005

Die eBay Verschwörungstheorie.

oder: warum es keinen Ratzinger-Golf gibt.

Das bestehende Markenkapital von "3-2-1 eBay" ist geprägt durch eine heile Welt vertrauenswürdiger Mitglieder, einer großen und lebendigen Community -- und die immer mal wieder für Aufsehen sorgenden Ausreisser, die "Fun-Auktionen".

Bereits die ersten Auktionen, die nicht im Sinne des schnöden Verkaufs angelegt wurden, sondern Publicity-Zwecken dienen sollten, wie etwa Keith Obadikes "Blackness Auktion" von August 2001, führten häufig zur erwünschten Aufmerksamkeit. Im Laufe der Zeit haben wir gemerkt: Nichts ist abstrus genug, um nicht auf eBay einen Bieter zu finden. Und je unglaublicher es wird, desto eher wird geklickt. Geschickt für eBay: Als neutraler Anbieter steht man zwar im Hintergrund, aber wird immer mehr zum Synonym für den "Marktplatz Welt", die Verrücktheit des Lebens -- ohne auch nur einen Finger zu rühren (– es sei denn, ein Artikel muss gelöscht werden).

Von Luftgitarren, Stefan Raabs Büroklammer, einer verhexten Spielkonsole, der Marienerscheinung auf einem Toast oder auch einfach nur 6 Schicksen mit nem Kasten Bier: das waren Trafficbringer und dankbare Sommerlochthemen. Und, unbestritten auch ernsthafte Maßnahmen zur Markenbildung des eBay-Universums. Die Medien griffen den Ball gerne auf, schüttelten gemeinsam mit uns, den Lesern und Bietern, den Kopf, entfachten wie im Falle des Papst-Golfs sogar einen echten Buzz.

Begeben wir uns nun in die Vorstellung, dass viele dieser hochgepushten Auktionen bei eBay geplante Marketingaktionen wären: Ein Instrument, das man zwar nicht im Impressum oder bei den Media-Daten findet, aber zwischen den Zeilen buchen kann wie eine Anzeige. Wir haben darüber nachgedacht: Es wäre ziemlich dreist, clever und für die Nutznießer extrem billig (Win-Win-Win). Wir haben das mal aufgedröselt.

Szenario 1:

1: Jemand besitzt ein Objekt und bietet dieses auf ebay an.
2: Die Bieter geben ihre Gebote ab.
3: Ein (unbekannter) Käufer ersteigert das Objekt für eine bestimmte Summe (X Euro).
4: Der Käufer bezahlt diese Summe an den Verkäufer.
5: eBay erhält dafür eine Gebühr von einem bestimmten Prozentsatz von X (%X)

abb_02

Die Medienwirkung (M) dieser Auktion verhält sich in diesem Falle exponential zu X.

abb_01

Die Summe für die Medienwirkung beträgt für den Käufer also X.
eBay gewinnt zusätzlich zur Medienwirkung %X.
Die Geldsumme die insgesamt fließt beträgt X + %X.

Szenario 2:

Eine andere Situation wäre diese:

1: Jemand besitzt ein Objekt und engagiert einen Mittelsmann, um es bei eBay zu verkaufen. Er bietet ihm dafür ein "Gehalt", z.B. einen Prozentsatz von der zu erzielenden Summe (X).
2: Die Bieter geben ihre Gebote ab.
3: Er selbst ersteigert sein Produkt (bzw. ein "eBay Marketing Mittelsmann")
4: eBay erhält dafür eine Gebühr von einem bestimmten Prozentsatz, die aber vom eigentlichen Besitzer beglichen wird.

abb_03

Die Medienwirkung (M) dieser Auktion verhält sich in diesem Falle ebenfalls exponential zu X, mit dem Unterschied, dass X nie ausbezahlt wird.

Die Summe für die Medienwirkung für den Käufer beträgt also Gehalt + %X, was der tatsächlich geflossenen Geldmenge entspricht. eBay verdient auch bei diesem Modell %X zusätzlich zur Medienwirkung.

Interessanterweise muss das Objekt in diesem Falle bereits gar nicht mehr existieren, außer es handelt sich um ein Produkt, das "besichtigt" werden muss/kann/darf. Generell reicht es, wenn eine Abbildung existiert. Der Käufer muss dafür sorgen, dass der Mittelsmann die Schnauze hält, was mit Hilfe des Gehalts geschieht. (Ver/Ersteigert man selbst sein Produkt, kann man die Position "Gehalt" sogar auf 0 setzen!) Ein interessantes Szenario, das lediglich mit dem ungewöhnlichen Artikel (den es nicht mal geben muss) steht und fällt.

Szenario 3:

Denken wir diese Situation noch einen Schritt weiter und bescheinigen wir sowohl dem Käufer als auch eBay einen bestimmten Bedarf an Medienwirkung.

1: Der Auftraggeber (und eBay) engagiert einen Mittelsmann, um ein Objekt bei eBay zu verkaufen. Sie zahlen ihm dafür ein "Gehalt", z.B. einen Prozentsatz von der zu erzielenden Summe.
2: Die Bieter geben ihre Gebote ab.
3: Der Auftraggeber ersteigert das Objekt für die Summe X, wobei eBay dafür sorgt, dass niemand anders es "bekommt" (Serverausfall etc.).

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Der Preis für die Medienwirkung beträgt für den Käufer also nur noch die Höhe des "Schweigegeldes". Also eigentlich nur noch 50% davon, wenn der "Aufraggeber" und eBay eine entsprechende Vereinbarung haben.

Die anderen Bieter sind in diesem Falle zu vernachlässigen, da eBay steuernd eingreifen kann. Die Summe des Endgebotes hat nur noch symbolischen Wert, da sie nie den Besitzer wechselt, genauso wenig wie das Produkt.

Die Medienwirkung ist so fast geschenkt, wo sie in Szenario eins doch schon sehr günstig war. Das Produkt gerät in den Hintergrund, zusätzlich gewinnt ein weiterer Faktor: Der auszuhandelnde Preis. Denn (=Lincoln Fry / Papst-Golf Learning): je höher der Preis für eine Absurdität, desto mehr Traffic. Bingo!

Fazit:

eBay-Marketing= Bingo-Marketing! Auf den Punkt gebracht: Wenn Golden Palace und eBay gemeinsame Sache gemacht haben, entsteht eine klassische Win-Win Situation für beide (und den Anbieter +Win). Zwar ist die Medienwirkung im Vergleich zu den entstandenen Kosten für Golden Palace noch sehr gut (für eBay sogar kostenlos), aber andersherum wird doch eher ein Schuh draus. Oder doch nicht? ...

Fest steht: Wenn Sie als Marketingbeauftragter tätig sind und es noch nicht längst tun, sollten Sie dringend mal über diese Form des "eBay-Marketings" nachdenken.

Ähm, nur für den Fall: Es handelt sich hierbei um ein rein fiktives Modell. Ähnlichkeiten zu wirklich existierenden Auktionen sind bewusst herbeigeführt und lediglich zur besseren Veranschaulichung konstruiert worden.

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MichK (anonym) - 23. Jan, 18:54

Diese Idee hatte ich auch

Es kann nicht sein, dass es so viele dumme Menschen gibt, die viel zu viel Geld für Waren ausgeben, die gebraucht oder defekt sind. Für das Geld bekommt man Neuware und das noch mit Garantie. Ich habe auch darüber nachgedacht, dass es einige Auktionen geben muss, die aus Marketinggründen einfach beeinflusst sind. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich kann mir auch Powerseller mit mehr als 300.000 Bewertungen nicht erklären. Das würde ein tägliches Volumen bedeuten, das eine Hinterhof- oder Garagenfirma so nicht durchziehen kann. Es gibt einige unerklärliche Dinge, die aber für andere eine bestimmte Anziehung an ebay gerade ausmachen.

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